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Erleben Sie mich von und auf meiner sehr persönlichen Seite.

Ansprache zur offiziellen Gedenkstunde für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation des Landes Hessen.

GOTT ist unsere Zuversicht, unsere Zuflucht und Stärke

Gott ist unsere Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in Zeiten der Not. Darum fürchten wir uns nicht, selbst wenn die Erde erbebt, die Berge wanken und in den Tiefen des Meeres versinken.
Auch dann nicht, wenn die Wogen tosen und schäumen und die Berge von ihrem Wüten erschüttert werden. (Worte aus Psalm 46).

Danke für die Einladung.
Danke, dass ich als evangelischer Theologe zu Ihnen sprechen darf.

Wir schauen in die Bibel, in die Geschichte und in die Gegenwart.
Hier im Psalm 46 spricht ein Mensch mit Lebenserfahrung und mit Glaubenserfahrung. Wir wissen nicht, welche Schicksalsschläge sein Leben prägten. Das Land der Bibel wurde nur zu oft heimgesucht von Kriegen und Katastrophen: Menschen beklagten immer wieder Verbrechen der Besatzer, Vergewaltigungen, Vertreibungen. Der Psalmdichter schaut zurück, aber nicht im Zorn. Er versinkt nicht in Wehmut. Er verliert sich nicht in Ängsten. Er schaut himmelwärts. Zur bitteren Lebenserfahrung kommt die zuversichtliche Glaubenserfahrung.

Gott ist unsere Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in Zeiten der Not. Darum fürchten wir uns nicht, selbst wenn die Erde erbebt, die Berge wanken und in den Tiefen des Meeres versinken. Auch dann nicht, wenn die Wogen tosen und schäumen und die Berge von ihrem Wüten erschüttert werden.

In der Welt der Bibel war das Meer in der Bedeutung immer mehr als nur Wasser und Wellen. Das ungestüme Meer war ein Bild für das tosende Völkermeer - für Krisen, Kriege, Katastrophen. Das Meer war für die Menschen aus der Wüste wie ein zerstörerisches Wesen. Meer frisst Land, zerstört den Lebensraum des Menschen. Das Meer gleicht einem Ungeheuer, dass sich gegen Gottes Ordnung auflehnt. Darum war es nicht einfach ein Naturwunder, sondern ein Zeichen der noch größeren Macht Gottes. ER teilt die Fluten vom Schilfmeer. ER stillt den Sturm auf dem See Genezareth. JESUS geht über das Wasser. Die Wasserwogen tosen, aber der HERR ist noch größer in der Höhe. Der Psalmbeter war in tiefer Not. Das Leben wurde erschüttert. Die Erde bebte, die Berge wankten. Wasserwogen schlugen ins Lebensboot. Vermutlich ist er fern der Heimat, weit weg von der Familie, von seinem Volk, von seinem Vaterland. Mit Psalm 42 beginnt eine Sammlung von Liedern voller Heimweh nach Jerusalem und voller Sehnsucht nach Gott.

„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele zu Gott.“ (aus Psalm 42)
„Vergesse ich dein, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke.“ (aus Psalm 137)

Wir sind heute zusammen gekommen, um an das Schicksal der Heimatvertriebenen zu erinnern. Es ist eine feierliche Gedenkstunde für die Opfer von Flucht Vertreibung und Deportation. Sie haben Verwandte und Bekannte vor Augen, das Schicksal der eigenen Familie. Ich auch. Wir brauchen solche Momente im Strom der Zeit. Es ist die Verpflichtung zur Geschichte und zugleich die Verantwortung für die Gegenwart, die uns heute zusammenführt. Viel zu selten und viel zu wenig bringen wir die Erinnerung ans Licht. Und ist die Einzigartigkeit der Ereignisse von damals Thema in diesem Lande. Hier in Hessen haben wir seit einigen Jahren den zweiten Sonntag im September als besonderen Tag im Kalender – ebenso in Sachsen und in Bayern. Das sei heute und hier ausdrücklich gewürdigt!

Bundesweit aber fehlt uns ein zentrales Gedenken. 2015 schob der Bundestag die Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen in den „Internationalen Weltflüchtlingstag“ jährlich am 20. Juni. Aber mein Vater ist kein „Weltflüchtling“ ebenso wenig meine Schwiegermutter. Jetzt 90 jährig musste sie mit drei jüngeren Geschwistern 1945 auf die Flucht aus Schlesien. Die Mutter war Wochen zuvor verstorben. Und mein Vater musste die Heimat im ostpreußischen Oberland zwei Jahre nach Kriegsende verlassen – deportiert mit seiner Mutter und anderen Deutschen am 14. Mai 1947.

Ein „Weltflüchtlingstag“ ist wichtig, doch ein eigener Gedenktag für die Deutschen in ganz Deutschland ist das doch auch, oder?

Bis zur Stunde haben wir keinen zentralen Gedenkort für Flucht und der Vertreibung der 14 oder gar 16 Millionen Deutschen. Jenes furchtbare Geschehen ohnegleichen in der Weltgeschichte! Vielleicht war es in den sechziger und siebziger Jahren nicht die Zeit, obwohl bereits 1950 die Charta der Heimatvertrieben vom Verzicht auf Rache und Vergeltung sprach. Das Wort wird Charles de Gaulle zugeschrieben, oder wem auch immer:

„Den Charakter eines Volkes erkennt man daran, wie es seine Soldaten nach einem verlorenen Krieg behandelt.“

Ich füge hinzu: Und die Geschichtsfähigkeit eines Staates erkennt man daran, wie er der Vertriebenen gedenkt. Vielleicht war es in den achtziger Jahren im noch geteilten Deutschland nicht die Zeit. Aber, dass es 30 Jahre nach der Deutschen Einheit kein zentrales Mahnmal für die deutschen Vertrieben und Deportierten gibt, gereicht diesem Staat nicht zur Ehre. Und als einer aus der Bürgerbewegung in Sachsen füge ich hinzu, und dass es kein „Dankmal“ für friedliche Revolution und Mauerfall gibt, ist ein Trauerspiel - sehe ich ebenso als einen wunden Punkt deutscher Nachkriegsgeschichte.

Die Bibel dagegen ermuntert und ermahnt uns:

„Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Generation zu Generation. Frage deinen Vater, der wird dir’s verkünden, deine Ältesten, die werden dir’s sagen.“ (5. Mose 32,7)

Die Bibel mahnt an so vielen Stellen: Gedenkt der Wege durch die Zeit. Väter und Mütter sagt es Kindern und Kindeskindern. Ich habe Großmutter vor Augen – und im Herzen. Eine stille Frau mit weißem Haar. Sie hat viel erzählt vom Gutshaus, dass sie „Schloss“ nannte. Von den unbeschwerten Weihnachtsfeiern dort im Herrenhaus für alle aus dem Dorf. Sie erzählte vom Kriegsbeginn 1939 und später erst auch vom Kriegsende 1945 – als die Russen kamen.

Der Verfasser von Psalm 46 denkt an die vorigen Zeiten. Er erinnert sich an die Geschichte. Aber noch mehr: Er schaut auf den Herrn aller Geschichte. Er gedenkt an Gottes Nähe in allen Katastrophen. Er schaut himmelwärts. Er bekennt sich zu Gott und bekennt seinen Glauben. Er macht seine Erfahrung bekannt, für die nächsten Generationen.

Gott ist unsere Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in Zeiten der Not. Darum fürchten wir uns nicht!

So stehen wir heute an diesem Tag der Erinnerung zusammen, im Gedenken an das, was war. Wir gedenken der Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation. Wir schauen himmelwärts. Im Glauben an die Kraft der Vergebung reichen wir die Hand zur Versöhnung.

AMEN

Ach HERR, siehe, du hast Himmel und Erde gemacht durch deine große Kraft und durch deinen ausgereckten Arm, und es ist kein Ding vor dir unmöglich.
Herrnhuter Losung 13.09.2020 – Jeremia 32,17

 

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