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Erleben Sie mich von und auf meiner sehr persönlichen Seite.

Das Wunder der Freiheit und Einheit

Deutschland am 9. November 1989 und danach

Den Jahreswechsel 1989 / 1990 feierte Berlin unter dem Brandenburger Tor. Ost und West vereint unter diesem einzigartigen Denkmal deutscher Geschichte. Keine wohlorganisierte Show damals, keine teuer bezahlten Bands und keine inhaltsleeren Reden von Politikern – und keine „Merkelpoller“ aus Beton und Antiterror-Sperren an den Eingängen. Wir waren frei.

Und wir waren dabei, meine Frau Heidrun und ich. Diesen Moment der Geschichte wollten wir in Berlin erleben. Diese Silvesternacht gibt es nur ein Mal im Leben. Das war klar.

Wenige Wochen zuvor war daran nicht zu denken. Am 5. Oktober war ich auch in Berlin und sah am späten Abend mit dem Blick aus dem Fenster, wie Polizei und Militärfahrzeuge parallel zur Frankfurter Allee Stellung bezogen. Mir liefen die Tränen wie Wasserbäche. Ich habe regelrecht geheult. Denn das war kein Manöver, das war der Ernstfall! Das war die Vorbereitung der Staatsmacht für den 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober und die erwarteten Proteste. Und dann war es an jenem Abend so, dass im „Palast der Republik“ Erich Honecker und seine Getreuen feierten und draußen viele Menschen das Ende dieser Regierung forderten. Die Staatsmacht knüppelte und verhaftete. Das ließ Schlimmes ahnen.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse:

Der 9. Oktober in Leipzig mit dem Spaziergang der mehr als 70.000.

Der 18. Oktober mit dem Abgang des Staatsratsvorsitzenden Honecker.

Der 9. November mit der sagenhaften Pressenotiz und dem Mauerfall.

Wobei „Mauerfall“, was ist das? Ist diese Todesgrenze einfach umgefallen? Oder geschah in dieser Nacht nicht wirklich ein Wunder? Ein Wunder auf das niemand vorbereitet war. Weder die im Osten, denn so war es nicht geplant. Und im Staate der Planwirtschaft war doch alles geplant. Der Fall dieser Mauer stand irgendwie nicht in den Lehrbüchern. Und im Westen hatte das so auch keiner gesehen und vielleicht nicht einmal gewollt, dass es so rasch und radikal abging. Und in einer Weltsekunde die Deutsche Demokratische Republik einfach aufhörte zu existieren. 

Ende von Stasi, Stacheldraht und Selbstschußanlagen

Am 9. November 1989, 18.53 Uhr, spricht das SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski jenen berühmt gewordenen Satz: „Na, ich denke ab sofort – unverzüglich“ Das DDR-Fernsehen sendet diese Minute der Pressekonferenz nochmals um 19.30 Uhr in der Aktuellen Kamera. Schon eine Stunde später verlangen die Menschenmassen aus Ost-Berlin die Öffnung der Mauer, um 22.30 Uhr können die Grenzsoldaten die Bornholmer Brücke nicht mehr halten. Um zwei Minuten nach Mitternacht sind laut internem Lagebericht der DDR-Polizei sämtliche Grenzübergänge zum Westen offen. Die Geschichte des geteilten Deutschland ging nach 40 Jahren zu Ende. Krenz und Gorbatschow, Kohl und Busch und wie alle Leute hießen, die politisch etwas zu sagen hatten - sie erscheinen nur wie Randfiguren einer Geschichte in deren Mittelpunkt ein Wunder stand. Am 9. November 1989 wurde etwas Wirklichkeit, was kaum einer für Deutschland noch erwartet hatte. Wir haben doch eher gedacht, das geht nur nach einem dritten Weltkrieg. Und den konnte sich keiner wünschen.

Und nun sind Augenzeugen eines Ereignisses, das die Weltgeschichte nur ein einziges Mal zu bieten hat: Den restlosen Zusammenbruch eines Systems, das in seiner ganzen Existenz nur ein einziges Ziel hatte: diesen Zusammenbruch zu verhindern. Seit dem 17. Juni 1953 hatte die DDR nur noch ein Ziel, einen zweiten Aufstand des eigenen Volkes zu verhindern. Es entstand das perfekteste Spitzelsystem der Welt in Form eines Ministeriums für Staatssicherheit mit hunderttausenden großen und kleinen Spitzeln bis hinein in unsere Briefe, unsere Häuser unsere Gehirne. Es wurde die mörderischste Grenze der Welt installiert - mit Mauer und Minen, mit Stacheldraht und Selbstschußanlagen.

Der 9. November 1989 mit dem Ende der Mauer wurde zum größten Glücksfall in der Geschichte der Deutschen! Und ich will hinzufügen: für mich war es die größte Gebetserhörung meines Lebens. Die Mauer, die noch hundert Jahre stehen sollte, ein Regime, das ewig zu den Siegern der Geschichte zählen wollte, kam auf den Müll. Mauerspechte hämmerten schon in der ersten Nacht Löcher in den „antifaschistischen Schutzwall“. Das schlimmste, was einer Diktatur geschehen kann, passierte: sie wurde lächerlich.

Psalm 2,4 "Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer."

Am 9. November 1989 haben wir die Hand eines gnädigen Gottes über spüren dürfen, alle im Osten und im Westen. Denn unlösbar ist mit dem 9. November 1989 der 9. November 1938 verknüpft. Für immer! Für immer sind auf besondere Weise das deutsche Volk mit dem jüdischen Volk verbunden. 9. November 1938 - Synagogen brennen, Schaufensterscheiben gehen zu Bruch, Juden werden erschlagen. Es war der Weg in den Massenmord an den europäischen Juden, den wir Holocaust nennen, Juden sprechen von der Shoa.

Und dann erleben wir 1989 ein Wunder vor dem Hintergrund dieser Geschichte. Es ist das Wunder der friedlichen Wiedervereinigung eines Volkes, das sichtbar begnadigt worden ist. Gott schreibt Geschichte in unserer Zeit und vor unseren Augen. 30 Jahre Wunder der Freiheit und Einheit. Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. Das ist eine alte talmudische Weisheit, gültig für alle Geschehnisse und Generationen.

Verfassung, Verbot der SED, Versagen der Kirchen

Und doch: Das hätten wir auch gebraucht - Die Diskussion und Verabschiedung einer neuen, gemeinsamen, gesamtdeutschen Verfassung in den Jahren direkt nach 1989. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist ein brauchbares Provisorium, so war es gedacht. Aber es ist ein Provisorium. Wie damals die Bundeshauptstadt Bonn. Erfahrungen und Erkenntnisse aus Ost und West hätten in ein neues Grundgesetz, in eine Verfassung, münden müssen. Dafür ist es noch nicht zu spät. Mein Vorschlag – wir schaffen das bis zum nächsten Jubiläum „40 Jahre Mauerfall“.

Verpasst wurde das Verbot der SED und aller Nachfolgeorganisationen. Ich habe das damals bei meinen Ansprachen während der Montagsdemos gesagt: Die juristisch, die politische und die gesellschaftliche Aufarbeitung der roten Diktatur gefordert.

Komplett haben die Kirchen versagt, nach dem Wunder der Freiheit und Einheit - die Kirchenoberen. Sind Wunder nicht das Thema der Kirchen? Doch das war der Sündenfall der Kirchen: Am 3. Oktober 1990 wurde aus dem Mauerfall die Wiedervereinigung - ein nächster Meilenstein beim Wunder der Freiheit und Einheit. Doch das war die die Nacht als die Glocken schwiegen. Und so schwieg auch die Kirche weitestgehend.

Am 3. Oktober 1990 wurde die Wiedervereinigung Deutschland endgültig. Wir waren und sind nicht nur ein Volk, wir sind zusammen in einem Land. Wir dürfen unendlich dankbar auf 30 Jahre zurückblicken: Vielleicht gibt es unter den Menschen in Deutschland ein unterschiedliches Maß an Glücksempfinden, weil - wie das immer im Leben ist: Einer hat vom Glück mehr und ein anderer etwas weniger abbekommen. Sicher gibt es welche, die vom Glück profitieren, von denen andere meinen: die haben es nicht verdient. Aber seien wir doch einen Augenblick ehrlich: Glück haben wir überhaupt nicht mehr verdient - keiner von uns nach dem Mord an sechs Millionen Juden in deutschem Namen. Seien wir an jedem noch kommenden Tag unseres Lebens einen Augenblick lang unendlich dankbar für eine unendliche Gnade, die uns noch einmal erreicht hat.

 

November 2019 ©Egmond Prill - Alle Rechte vorbehalten.
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